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Ivone Gebara, brasilianische feministische Theologin und Philosophin

Religion und die Pandemie COVID 19

Ivone Gebara

„Ich glaube nicht, dass die Religionen eine wirksame Antwort auf die aktuellen Probleme der Menschheit haben“ (Ivone Gebara). Die Covid 19- Pandemie zeigt wie mit einem Brennglas soziale, politische und ökologische Probleme auf. Über Religion in Zeiten der Pandemie Covid 19.

Brasilien ist eines der am stärksten betroffenen Länder weltweit. Die Regierung Bolsonaro macht präventive Maßnahmen lächerlich und negiert das Virus, gleichzeitig brennt das Amazonasgebiet unter der Devise: jetzt abholzen, während die Aufmerksamkeit auf das Virus gerichtet ist. Und das alles im Namen einer evangelikalen ultrakonservativen Religiosität. Angesichts der Bedrohung und der Unsicherheit melden sich auch die anderen Religionen in der Krise zu Wort.

Die Antwort von Ivone Gebara: „Ich glaube nicht, dass die Religionen in ihrer Diversität eine wirksame Antwort auf die aktuellen Probleme  der Menschheit haben, auch wenn sie wichtig für viele sind.“ Dennoch macht  „die aktuelle Situation die Verletzlichkeit aller sichtbar. Und vielleicht müsste in dieser Situation etwas gestärkt und entwickelt werden, das über eine bestimmte Religion hinausgeht. Es wäre etwas wie eine Geschwisterlichkeit jenseits der religiösen Glaubensbekenntnisse, ein Pakt, ein Bündnis unter uns, jenseits unserer Götter und Göttinnen, jenseits der Kultorte der einen und der anderen, jenseits der alten Glaubensbekenntnisse.“ Mehr lesen…..

Ivane Gebara (*1944 in São Paulo) ist Philosophin und Theologin. Die Ordensfrau lebt seit vielen Jahren in Camaragibe/Recife im Nordosten Brasiliens. Ihre Erfahrungen als Frau und Theologin an ihrem konkrete Lebensort in Randzonen von Recife, in Begleitung vor allem der armen Frauen, deren Leben auf vielfältigste Weise mit den Füßen getreten wird, hat ihre theologische Perspektive stark beeinflusst. Die Option für die Armen der Befreiungstheologie wurde für Gebara zur Option für die armen Frauen. Ihre Kritik weitete sich zu einer ökofeministischen Perspektive. Von diesem holistischen Ökofeminismus aus re-formulierte sie die klassischen theologischen Themen wie Christologie, Gottes- und Trinitätslehre. Nach einem Interview zur Diskussion um die Straffreiheit der Abtreibung, das unter dem Titel „Abtreibung ist keine Sünde” veröffentlicht wurde (Revista „Veja”) wo sie im Blick auf die Gewalterfahrungen von Mädchen und Frauen in den brasilianischen »favelas« –für ein offenes, situationsethisch begründetes Vorgehen bei ungewollten Schwangerschaften plädierte, wurde ihr durch die Glaubenskongregation des Vatikans ein zweijähriges »Bußschweigen« auferlegt. In dieser Zeit erwarb sie in Louvain-la-Neuve ihren theologischen Doktortitel mit der 2000 auf Deutsch erschienen Arbeit »Die dunkle Seite Gottes. Wie Frauen das Böse erfahren«.

 

In den letzten Monaten haben mich viele Gruppen gefragt, was die christliche Botschaft sei angesichts der Pandemie, die alle Ecken der Welt schlägt. Und wenn sie diese Frage stellen, scheinen Erwartungen mit emotionalem und intellektuellem Hintergrund mitzuklingen, die nach einer Bestätigung suchen. Die erste ist, dass ich mich in Richtung der Hoffnung orientiere, die in der christlichen Tradition präsent ist, so als könnten wir in ihr einen sicheren Rettungsring finden, der zumindest unsere aktuellen Ängste mindert und uns sofortige Orientierung für das Leben gibt. Sie erwarten, dass die Religion die Sicherheit bietet, die man braucht, in der Gewissheit, dass Gott sein Volk nicht verlässt.

Die zweite ist die, zu bestätigen, dass die Zerstörung der Welt und unserer Beziehungen das Werk unserer Hände ist, unserer Gewinnsucht in dem Wunsch, Güter anzuhäufen, die nur eine Minderheit genießen kann. Und so handelten wir durch unsere Wahl auf indirekte Weise gegen Gottes Willen, der das Gute für die ganze Menschheit will.

Die dritte hat mit der eklatanten Behauptung zu tun, wir würden von Gott bestraft wegen unserer Sünden, unseres abweichenden Verhaltens in Bezug auf die Sexualität, der Zerstörung der Natur, der Gewohnheiten und, als Folge davon, aus fehlendem Glauben an die göttlichen Gebote. Aufgrund dieser, unserer persönlichen und kollektiven Schuld, leiden wir unter der Pandemie, obwohl es Ausnahmen gibt, Personen, die versuchen dem göttlichen Willen zu folgen. Es ist interessant zu sehen, dass die „Persönlichkeit” Gott in allen drei Erwartungen präsent ist, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Und diese „Persönlichkeit” nähert sich in ihrem Bild unseren gesellschaftlichen und sogar politischen Haltungen an, unserer Vorstellung und unserer religiösen Fiktionen.

Es bleibt die Frage, wer ist diese “Persönlichkeit” für die jeweilige Gruppe und für jeden persönlich? Wer ist dieser “jemand”, der unsere Ängste angesichts des Toden stillen, uns richten, vergeben, annehmen und unsere bedrohten Leben wieder herstellen soll?

Ich gebe zu, dass ich manchmal die Frustration einiger Menschen wahrgenommen habe, wenn meine Meinung nicht mit ihren Erwartungen übereinstimmt, die sie an meine Antwort haben. Ich spüre, dass es für sie unbequem, ja sogar enttäuschend ist, weil meine Überlegungen nicht mit ihren Argumenten und Erwartungen übereinstimmten. Wenn es nur um die Diskussion von Argumenten ginge, wäre mir das egal, aber Tatsache ist, dass die Gefühle und Überlegungen, die in diesen Fragen präsent sind, ein wahres Leiden ausdrücken auf der Suche nach jemandem, der sie versteht und ihnen bestätigen kann, dass nach diesem Sturm etwas Gutes kommen kann. Deshalb schweige ich oft und sage: “Wir wissen es nicht!”

Kann es eine einzige zentrale Botschaft geben, eine Art Gegengift gegen die Hoffnungslosigkeit oder sogar gegen die Verzweiflung angesichts der vielfältigen Bedrohungen des Lebens auf dem Planeten und unseres Lebens auf ihm? Was kann man sagen, wenn dieses Virus anscheinend nicht nur menschliche Körper schlägt, ihnen den Atem zuschnürt und sie bis zum Tode erstickt, sondern auch die unterschiedlichen Regierungsformen, Polizeien, Religionen, Kirchen die, ähnlich wie das Virus, aber mit anderen Methoden, tödliche Pandemien von Handlungen und Absichten verbreiten, auch wenn sie behaupten, gegen das Virus zu kämpfen.

Tatsächlich verschont das planetarische Virus Covid 19 niemanden, denn es hat Verbreitungsformen, die noch nicht kontrollierbar sind. Das sichert uns einerseits die allgemeine Verbundenheit und gegenseitige Abhängigkeit, andererseits zeigt es uns unsere Unwissenheit über uns selbst und die Welt, in der wir leben. Auch wenn wir immer wieder an die Macht der Wissenschaft glauben, fast alle Fragen der Menschheit zu beantworten, ist es frustrierend, zu sehen, dass das was wir nicht wissen viel mehr ist als das schon Bekannte.

Jede Person wird –oder auch nicht- in ihren sozialen, politischen und religiösen Überzeugungen eine Antwort oder das Fehlen einer Antwort auf die Fragen finden, die der gegenwärtige Moment stellt. Dennoch, was man derzeit beobachten kann, ist eine gemeinsame Erfahrung der Machtlosigkeit und des Unwissens über unser eigenes Leben. Sogar diejenigen, die am dogmatischsten und überzeugtesten von ihren Positionen sind, sind dem Virus des Zweifels oder eines Verdachtes in Bezug auf ihre Sicherheiten begegnet. In gewisser Weise verbreitete sich zusammen mit Covid 19 der Zweifel über das menschliche Leben und den Kurs der Geschichte. Es ist, als ob die Pandemie uns aufrufe, anders zu sein, als würde sich ein kollektiver Verdacht breit machen, dass wir alle zusammen am Rande eines Abgrundes stehen und uns “vor dem Tribunal des Lebens” fragen, wie wir uns erlösen von so vielen Toten, von soviel Durcheinander in so vielen Leben. Deshalb fragen sich viele Menschen, ob sie überleben werden und, falls dem so ist, wie sie dann sein werden, wenn die Pandemie zu Ende ist. Wie werden wir uns organisieren? An was und an wen werden wir glauben? Wie werden wir unsere vergangenen Überzeugungen an die Herausforderungen der aktuellen Welt anpassen?

Zweifellos wird die große Mehrheit der Menschen danach streben, dass “alles wie früher” ist, auch wenn die Ansteckung durch den Zweifel das Leben aller berühren wird, wenn auch nur ein kleines Bisschen. Noch haben wir keine Antworten auf unsere Fragen, nur die kleinen gemütvollen Wünsche, Freunde und Verwandte wiederzusehen, Geburtstag zu feiern, ins Einkaufszentrum zu gehen oder an anderen kollektiven Veranstaltungen und Feiern teilzunehmen.

Da die Antworten der Wissenschaft noch in einer Experimentierphase sind, glauben viele Menschen, dass sie in den Religionen eine Antwort finden. Die scheinen etwas Sicherheit zu geben, denn sie scheinen sich mit Mächten auseinanderzusetzen, die jenseits der Wissenschaft sind, unsichtbaren Mächten, unsichtbarer als Covid 19. Deshalb vervielfachen sich die Gottesdienste im Internet, die Gebete flehen Gott um die Rettung der Welt an, Segnungen in offenen Lastwagen oder Hubschraubern, das Wiederbeleben alter Anbetungen, die als “machtvoll” gelten.

Aber, was bedeutet die Rettung der Welt? Versuchen wir uns nur vor Covid 19 zu retten? Was ist mit den Exzessen von Rassismus, die wir täglich erleben? Was ist mit den Aggressionen gegen Frauen in den “häuslichen Gefängnissen”? Was passiert mit der Vernichtung der Menschen, die in den Peripherien leben, ihrem Ausgeliefertsein an den Wahnsinn der Zerstörer, der Puristen, der Mörder, die sich die Möglichkeit vorstellen, mit eigenen Händen Gerechtigkeit zu üben, bewaffnet oder unbewaffnet? Was geschieht mit den Leugnern der Pandemie, die ihr begegnen, als wollten sie Kräfte messen mit ihr? Welche Antworten geben die Religionen in ihrer wachsenden Diversität?

Wirklich, ich glaube nicht, dass die Religionen in ihrer Diversität eine wirksame Antwort auf die aktuellen Probleme der Menschheit haben, auch wenn sie wichtig für viele sind. Es sind institutionalisierte Formen des Trostes und Versuche “metaphysischen Schutzes”, die sich innerhalb unserer Kulturen entwickeln, vermischt mit Gefühlen und Alltagsproblemen. Auch wenn ich ihren Wert für viele Menschen nicht verneine, sind sie in Wirklichkeit eine unter vielen Aktionen der “Selbsthilfe” oder Verdienste in der Linie der Hilfen, die wir uns in kritischen Lebensmomenten geben. Diese Hilfe ist im Grunde jenseits der Religionen und an ihr möchte ich mich festhalten wie an einem prekären Rettungsring, wenn es scheint, dass wir in der kollektiven Sintflut untergehen. Es ist als ob in unseren menschlichen Eingeweiden, in denen der Menschen, die wir jetzt sind, nicht nur individuelle, sondern auch ‘kollektive Rettungsringe’ wären. Die Pandemie weckt die kollektiven Eingeweide auf und die Religionen sind nur ein Instrument unter anderen, um die kollektive Kraft der Unterstützung dieses Rettungsrings zu bestätigen.

Der gemeinsame Schmerz scheint die gemeinsame Solidarität zu wecken, besonders weil niemand vor dem pandemischen Schmerz geschützt ist. Auch wenn einige besser geschützt sind als andere, macht die aktuelle Situation die Verletzlichkeit aller sichtbar. Und vielleicht müsste in dieser Situation etwas gestärkt und entwickelt werden, das über eine bestimmte Religion hinausgeht. Es wäre etwas wie eine Geschwisterlichkeit jenseits der religiösen Glaubensbekenntnisse, ein Pakt, ein Bündnis unter uns, jenseits unserer Götter und Göttinnen, jenseits der Kultorte der einen und der anderen, jenseits der alten

Glaubensbekenntnisse. Unsere Göttern und Göttinnen laufen Gefahr, sektiererisch zu sein, Gesetze und Opfer je nach ihren Besonderheiten und Spezialitäten zu fordern. Unsere Götter haben das Virus des Wettstreits untereinander in dem Masse, in dem sie zu unserem Ebenbild geworden sind. Wir müssen ihnen – eine Zeit lang – frei geben, vielleicht in ihrer Quarantäne belassen solange bis unsere eigene Quarantäne vorbei ist und wir den persönlichen und kollektiven Weg der Menschheit klar sehen können.

Unsere Götter können uns keine Lösungen mehr geben, weil ihre Wünsche über uns vielfach und widersprüchlich sind, und heute kämpfen sie sogar selbst untereinander und verwandeln unsere scheinbaren Kämpfe in reale Konflikte unter Göttern. Ebenso sind die Diener unserer Götter bewegt von privaten Interessen und nutzen die Götter und die Zerbrechlichkeit der Gläubigen als Waffen, um ihre Macht und ihre Privilegien zu erhalten.

Übertreibe ich? Fliehe ich vor der Annahme und Zärtlichkeit unserer Götter und unserer Heiligen? Verneine ich etwa die Wichtigkeit der religiösen Traditionen? Zweifele ich etwa an der göttlichen Liebe und dem Opfer Christi für uns? Ich wage zu sagen: Ja und Nein, denn ich bin überzeugt, dass wir es sind, die unseren Göttern mächtig machen, wir sind es, die Altäre bauen, Bänke, auf denen wir uns niederknien, im Glauben sie bedingungslos anzubeten und ihnen zu gehorchen. Wir sind es, die ihnen Kerzen anzünden, Weihrauch anbieten und unsere Körper opfern. Wir sind es, die sie kleiden und wir kleiden uns für sie, als ob unsere priesterliche Kleidung oder andere Kleidung unsere Zugehörigkeit zu dieser oder jener Gottheit anzeigen würde, die sich nicht notwendigerweise mit den Willen der anderen des gleichen Olymps oder anderer Orte vereint. Die Diversität der Götter und Göttinnen und der Olympe ist aktuell und wohl bekannt. Sie folgt der Diversität der menschlichen Gruppen, ihren Konflikte und Erfindungen.

In dieser Pandemie sind auch unsere Gottheiten unsere Opfer. Ohne es wahrzunehmen, machen wir sie zum Gegenstand unserer häufig widersprüchlichen Willen. In ihrem Namen greifen wir an und verteidigen, wir töten und sterben. In ihrem Namen machen wir uns reich und verarmen.

Haben wir alle die gleichen Bitten an unsere Gottheiten in Zeiten der Pandemie, und handeln wir alle im Blick auf ein höheres Gut? Zweifellos handelt jeder nach seinen eigenen Interessen. Dennoch, vielleicht identifizieren wir einen gemeinsamen Punkt für alle. Der ist, uns von der Pandemie zu befreien, uns und unsere Nächsten vor ihr zu schützen. Dennoch, durch die Tatsache, dass wir in einer Pandemie leben, leiden wir jetzt schon unter einer Bedrohung und dem realen Effekt der Tode.

Wenn wir also verzweifelt bitten, zu leben und von dieser Krankheit befreit zu werden, kommen unsere Bitten gleichzeitig mit vielen anderen, die mit dem während und dem nach der Pandemie zu tun haben. Und diese Bitten werden wir zweifellos zuerst für diejenigen machen, die uns nahestehen. Das ist zweifellos ein Wesenszug unserer Animalität. Die Henne schützt ihre Küken, nicht die Katzenbabies der Katze in der Küche, die Löwin ihre kleinen Löwen und so weiter. Bei einem Schulbrand rette ich zuerst mein Kind und dann das der Nachbarin.

Und wenn wir für einen Moment die Tatsache akzeptieren würden, dass eine Religion zu haben etwas anderes ist, als das was wir gewohnt sind zu haben? Wenn wir für einen Moment den göttlichen Willen, die von Gott erlassenen Gebote, die theologischen Entwürfe ihrer Amtsträger, die versprochenen Belohnungen und Strafen in Klammern setzen würden? Wenn wir uns für einen Moment vor den anderen nackt fühlen würden: ohne Götter, ohne Heilige und ohne Kriegswaffen? Und wenn es keine Tempel und Prediger mehr gäbe? Wenn es keine theologischen Schulen mehr gäbe und keine Ämter? Wenn es keinen Zehnten mehr gäbe und keine Wohltätigkeitskonten? Was wäre dann mit unserer religiösen Geschichte?

Eine der Funktionen der Religionen war seit alters her, unsere Aufmerksamkeit darauf zu richten, wie beschränkt unsere individuelle Animalität ist, beschränkt auf unsere nächste Kollektivität, die tierische Familie, zu der wir gehören. Von daher ist es Teil aller Religionen und Weisheiten, die Gefallenen auf dem Weg des Lebens zu finden – denn immer wird es “Gefallene” geben und “immer” werden wir Gefallene schaffen. Und aus eben dieser Perspektive war der Kampf gegen die Akkumulation/ das Anhäufen von Gütern, gegen den Geiz, die Völlerei in all ihren Bedeutungen, also gegen alle Auswüchse, die uns zu Sklaven unserer niedrigen Leidenschaften machen, eine Konstante.

Deshalb, von dem Moment an, in dem wir in der Lage sind, mit dieser zugespitzten animalischen Individualität zu brechen, in diesem Moment distanzieren wir uns auch von der animalischen egozentrischen Spontaneität, um uns in eine Art „verwandelten Humus” zu verwandeln, ein Humus, ein Humus, der in der Lage ist, sich Seinesgleichen anders zu nähern.

Dieser Erfolg war und ist das Ergebnis tausender Jahre von Sozialisation und wir sind immer noch nicht an dem Punkt angelangt, von dem wir die Intuition besitzen, dort anzukommen: an den Ort, an dem wir unseren Nächsten wie uns selbst lieben können. Um etwas von diesem gemeinsamen Ziel zu zeigen, müssen wir uns trainieren, müssen wir gegen die spontanen individualistischen und egoistischen Tendenzen kämpfen, die in uns wohnen. Wir müssen unseren Platz am Tisch den Verachteten geben, wir müssen zu teilen wissen, das Brot und den Fisch, die wir in unseren Taschen verstecken, den Wein, den wir in unseren Schläuchen alt werden lassen. Wir müssen vom Maulbeerbaum herabsteigen und den Menschen das zurückgeben, was wir zu unserem Nutzen geraubt haben. Es ist nicht genug mit einem einzigen Jesus von Nazareth, einem einzigen Franziskus von Assisi, einem einzigen Mohamed, einem einzigen Moses, um das zu tun. Es reicht nicht mit einer Sara und Hagar, einer Maria oder Magdalena, einer Kadija oder einer Mutter Menininha*, die wir nachahmen möchten. Es ist notwendig, dass viele in diese Logik eintreten, aus unsere Zeit und unserem Kontext heraus, bis es zu einer Praxis wird, bis es ein „Ethos” wird, ein ethisches Verhalten der Mehrheiten, im Bewusstsein ihrer Zerbrechlichkeit.

Um etwas von diesem gemeinsamen Vorhaben zu zeigen, müssen wir in der Lage sein, zu lernen, jeden Tag die zerstörerischen Kräfte, die in uns wohnen zu kontrollieren, Kräfte, die zweifellos viel mächtiger sind als die liebevolle Zärtlichkeit und die Fürsorge, die wir untereinander haben. Die Kraft des in sich verschlossenen Ich, das sich in sein eigenes Imperium verwandelt, das sich immer mehr für sich selbst ausbreiten will, ist zerstörerisch. Nicht nur für seine eigene, kleine Welt, sondern für viele andere kleine Welten, die sich um sich selbst drehen. Und diese Zerstörung hat die Kraft und die Fähigkeit, sich auszudehnen und die gute Hefe in etwas “hart wie einen Stein” zu verwandeln, unfähig, den Teig zu durchsäuern, sodass daraus ein leckeres Brot für alle entsteht. Und die Steine werden geworfen gegen die Frauen, die Jugendlichen, gegen Indigene, Schwarze, Bettler und Homosexuelle. Und das Geld wird in steinernen Banken aufbewahrt, sodass ein plötzlich aufflammender rauchender Blitz alles verbrennen und zu Asche machen kann.

Wozu dient die Religion, wenn sie sich entfernt, isoliert, wenn sie richtet und tötet, wenn sie ansammelt und sich in Stein verwandelt? Wozu dienen die Götter im Himmel, wenn sie gar keine Macht mehr haben über die Götter auf der Erde? Wozu dient die Religion, wenn sie nicht mehr Verbindung, Beziehung, lebendige Interdependenz (gegenseitige Abhängigkeit), Poesie des Lebens ist? Es ist besser, zu versuchen aufs Neue zu ver-binden (re-ligar, das lateinische Wort verbinden ist die Wurzel des Wortes Religion. Anm. d. Ü.). Es ist besser, nur das Brot jedes einzelnen Tages zu essen, die Schulden zu vergeben, nicht in die Versuchung des Egozentrismus zu verfallen, der uns umgibt und bewohnt.

Religion in Zeiten von Covid 19 bedeutet zu spüren und zu wissen, dass dasselbe Virus uns auf unterschiedliche Weisen bewohnt, dieselbe Sterblichkeit auf uns lauert, derselbe Hunger, derselbe Durst unsere Körper bewohnen. Dieselbe Schwierigkeit zu atmen macht uns ohnmächtig, und wir müssen die Hände öffnen, damit die Herzen sich öffnen und lassen das Virus verschwinden. Vielleicht hat Covid auf diese Weise seine Mission erfüllt, die Mission uns an das zu erinnern, was wir vergessen hatten, dass wir durch dasselbe Leben und durch denselben Tod vergeschwistert sind. Wir können dieser Bedingung nicht entfliehen. Das ist das verborgene Geheimnis in uns, eingeschrieben in jede Zelle unseres Seins, immerwährende Tätowierung und dennoch provisorisch. Es ist die Bedingung, die uns charakterisiert und uns zu dem macht, was wir wirklich sind: ein zerbrechliches Rohr, das heute atmet und sich bewegt. Das aber morgen Dünger sein wird in der Erneuerung der Erde/ des Lebens. Deshalb haben unsere Vorfahren gerne über den Tod meditiert, den eigenen und den der anderen, um auf die Notwendigkeit hinzuweisen, in dem Wissen zu handeln, dass die Welt mir nicht gehört und das dieses kurze oder lange Leben der Erde seinen letzten Atemzug geben wird, damit das Leben sich erneuert und weitergeht.

Tod? Welche Hoffnung kann vom Tod kommen, wenn wir doch vor ihm fliehen wollen? Wir müssen wirklich ganz und gar lebendig sein, um an den Tod zu denken. Man denkt nicht an den Tod, wenn man täglich an Hunger, Durst oder fehlender Wohnung stirbt. In dieser Situation leben wir schon die Vorzeichen und die tägliche Ankündigung des Todes. Aber der 7 Tod muss auch von Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Religion als eine Bedrohung gedacht werden. Und zwar deshalb, weil an den Tod denken bedeutet, an die absolute Relativität der menschlichen Leben zu denken, und damit an die Notwendigkeit des absoluten Respektes aller Leben von heute. Alle dürfen die Lust probieren, lebendig zu sein, sich vom Leben zu nähren, sich fortzupflanzen, sich gegenseitig anzuziehen und zu lieben – in diesem einzigartigen Moment der Evolution, in diesem vergänglichen Moment, in dem wir uns treffen und gemeinsam Geschichte machen. An den Tod zu denken, ist das Zünglein an der Waage der Geschichte, ist das Lot unserer Konstruktionen, die Brille, die hilft, das Maß der Dinge, Situationen und Menschen zu sehen. Das ist kein billiges Lob auf den Tod, es ist keine Nekrophilie, sondern die Annahme des Todes im Innersten unserer Suche, unserer sozialen, politischen und religiösen Prozesse, um das zerbrechliche Leben eines jeden Tages hervorzuheben oder wertzuschätzen. Vielleicht lässt uns das unseren Körper mit anderen Körpern wieder in Beziehung setzen, uns verbinden, als wären wir ein einziger Körper. So als ob jeder Körper der gemeinsame Körper und die gemeinsame Luft im gemeinsamen Haus wären, in Autonomie und gegenseitiger Abhängigkeit.

Das zu schreiben, kann tatsächlich wie nutzlose Poesie erscheinen, aber ich bin sicher, dass es diese Poesie ist, die uns teilweise retten wird, die uns etwas zurückgeben wird von unserer Zärtlichkeit und der Fähigkeit, die zarte Brise eines Sommernachmittags zu schätzen. Sie ist es, die die Hochmütigen, die wir sind, Demut lehren wird, den Gierigen, wie wichtig Grenzen sind, den Stolzen die Notwendigkeit der gegenseitigen Abhängigkeit.

Deshalb hat im 12. Jahrhundert einer aus Assisi den Tod Schwester genannt, vielleicht die Zwillingsschwester des Lebens, Schwestern die absolut unzertrennlich sind. Und diese Schwesterlichkeit darf in keinem Moment des Lebens vergessen werden, vom Sonnenaufgang bis zur Abenddämmerung, wie eine Sinfonie, die beginnt und enden muss, wie ein einzigartiger unvergleichlicher Augenblick, der gelebt und geliebt werden muss.

(Veröffentlicht auf Portugiesisch: Carta Potiguar, 22. Juni 2020, Übersetzung Ute Seibert)

Anmerkungen:

* Mãe Menininha do Gantois (Salvador, Bahia, 10.02.1894 – 13.08.1986), wurde mit 28 Jahren zur Ialorixá (Mutter der Heiligen im Candomblé); ihr Ruhm und ihre Macht breiteten sich aus und sie empfing in ihrem “terreiro” in Gantois, dem sie 64 Jahre vorstand einfache Menschen, Künstler und Staatschefs.